Studentenunruhen 1968
Den Geschehnissen im Jahre 1968 ging ein prägendes Ereignis im Jahre 1962 vorweg. Die „Spiegel-Affäre“ sorgte im Oktober 1962 erstmalig dafür, dass Studenten gegen die Regierung auf die Strasse gingen. Verursacht wurde die Affäre durch den Artikel „Bedingt abwehrbereit“ in der Spiegelausgabe vom 10.10.1962 vom Autor Conrad Ahlers. Ahlers berichtet in seinem Artikel über das NATO Manöver „Fallex62“ und deckte verschiedene Schwächen des westdeutschen Verteidigungssystems auf. Darauf hin wurden am 26.10.1962 die Räume des Spiegel besetzt und mehrere leitende Redakteure wegen Landesverrats verhaftet. Auf Grund dessen fanden Straßendemonstrationen von Studenten statt. Dies war eine erstmalig angewandte und völlig neue Art der Meinungsäußerung. Die Menschen waren nicht mehr bereit autoritäres und willkürliches Handeln des Staates hinzunehmen und zeigten dies in der Öffentlichkeit. Das Politikverständnis der Bürger hatte sich grundlegend geändert.

Die „Revolution“ von 1968 in Deutschland begann nicht im eigenen Land sondern hatte ihren Ursprung im Ausland. Der „Prager Frühling“, Studentenunruhen in Paris, Aufstände von Schwarzen in Amerika, die für ihre Rechte kämpften, der Vietnam-Krieg, der „Kalte Krieg“, der Wirtschaftsaufschwung der 50er und 60er und der daraus resultierende Massenkonsum sowie das Ignorieren der Sexualität in der Gesellschaft prägten das damalige Bild der Zeit. Aufstände, Straßenschlachten und Demonstrationen waren in vielen Ländern an der Tagesordnung.

In Deutschland hingegen gab es solche Szenarien noch nicht. Hier war die Große Koalition (mit CDU/CSU und SPD) an der Macht und sorgte für die allgemeine Ordnung im Lande. Die Jugend hatte zu dieser Zeit eine klare Vorstellung von Familie und Zukunft. Es herrschte Anstand, Sitte und Pflichtbewusstsein. Ein glückliches und überschaubares Leben in der Familie waren Ziele der Jugendlichen.

Dieser Zustand sollte sich allerdings bis Ende 1967 grundlegend ändern. Studenten kritisierten die Missstände an deutschen Universitäten. Die Zahl der Studenten an deutschen Universitäten hatte sich seit 1960 verdreifacht. Vorlesungssäle, Studentenheim und Kantinen waren hoffnungslos überfüllt. Zu dem förderten kleinliche Vorschriften (wie z.B. die Geschlechtertrennung in den Wohnheimen) die schlechte Stimmung der Studenten.

Der Wirtschaftsaufschwung ging Ende der 60er Jahre zu Ende und die Arbeitslosenzahlen stiegen an. Allgemeine Zukunftssorgen machten sich unter den Studenten breit. Durch die neue Bildungsreform von Ministerpräsident Pompidou in Frankreich, die eine Abwertung von Abschlüssen vorsah, die nicht innerhalb der Regelstudienzeit vollendet wurden, verschlechterten sich die Zukunftsperspektiven der Studenten ebenfalls. Das Wahlrecht lag zu diesem Zeitpunkt bei 21 Jahren und deutsche Studenten sahen mit Angst nach Frankreich, wo man die Hilflosigkeit von Jugendlichen, sich gegen Entscheidungen der Regierung zu wehren, sah.

Der Blick wendete sich nun auf die Generation der Eltern. Die Jugend warf ihren Eltern vor die NS-Vergangenheit totzuschweigen. Proteste gegen den Vietnam-Krieg und der Antiamerikanismus verstärkten sich unter den Jugendlichen.


Kurt Georg Kiesinger

Die Bonner Notstandsgesetzte , die das „Siebzehnte Gesetz zur Ergänzung des Grundgesetzes“ waren, standen kurz vor ihrer Verabschiedung, da die Große Koalition nun endlich die benötigte Zweidrittel-Mehrheit besaß. Sie wurden schon 1958 ausgearbeitet, fanden aber nie die nötige Unterstützung im Bundestag. Die Notstandsverfassung stellt dem Staatsorgan Maßnahmen bei inneren und äußeren Notlagen zur Verfügung. Der Staat hat damit die Möglichkeit einige Grundrechte außer Kraft zu setzen. Er konnte z.B. das Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnis einschränken. Außerdem wurde der Einsatz von Militär und Bundesgrenzschutz im Innern der Bundesrepublik rechtlich geregelt. Der damalige Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU) war von 1933 bis 1945 NSDAP-Mitglied und während des Kriegs bis zum Referatsleiter für Propaganda im Reichsaußenministerium aufgestiegen. Nicht zuletzt wegen der Notstandsgesetze warf man Kiesinger vor, immer noch nationalsozialistisches Gedankengut mit sich zu tragen. Die breiteste Ablehnung fand er bei den sowieso schon aufgebrachten Studenten.


Rudi Dutschke

Aus den anfänglichen Protesten gegen den Vietnam-Krieg und die Notstandsgesetze einer Minderheit wurde bald eine Massenbewegung, die sich als „ außerparlamentarische Opposition “ bezeichnete. Die APO bestand aus Studenten, Jugendlichen, Intellektuellen und auch Künstlern. Sie sah die parlamentarische Opposition, die FDP, als zu schwach an und stand für die antiautoritäre Bewegung im Lande und versuchte mit Protestaktionen, politische und gesellschaftliche Reformen durchzusetzen. Der 1940 in Berlin-Schönefeld geborene Rudi Dutschke , der sich seit 1966 an Protestaktionen Jugendlicher und Studenten beteiligte und dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) angehörte, ist der charismatische Anführer und Redner der APO. Er leitete die Aktion „Enteignet Springer“, die sich gegen den Springer Verlag richtete, der unter anderem die Bild Zeitung veröffentlichte. Dutschke warf Springer vor eine Hetzjagd auf Studenten durchzuführen und ein Pressemonopol zu installieren. Durch die Pressekonzentration im Springer Verlag sei die Pressefreiheit und die freie Meinungsbildung gefährdet. (Marktanteile des Springer-Konzerns an den Zeitungen im Jahr 1968: Tageszeitungen 39 %; überregionale Zeitungen 81,5 %; Sonntagszeitungen 90 %; Programmzeitschriften 48 %). Mit Kommentaren wie: „Man ist gegen den Kommunismus wie man gegen Krebs ist“, zeigte der Springer Verlag die positive Einstellung zu den USA, die bei den Studenten und allen anderen Anti-Amerika-Bewegungen großen Unmut hervorrief.


WAZ vom 21.02.2001

Die Radikalisierung der Studentenbewegungen begann mit dem Besuch des persischen Schahs, Mohammed Reza Pahlawi und seiner Frau Farah Diba am 2.Juni 1967. Durch die Unterdrückung und Verfolgung der Opposition im Land des Schahs, ging man in Deutschland von umfangreichen Protestaktionen gegen den Besuch des Schahs aus. Trotz umfangreicher Sicherheitsmaßnahmen (Einstellung der Rheinschifffahrt, Stilllegung von Häusern und Geschäften, Sperrung von Autobahnen) kam es zu Straßenschlachten zwischen der Polizei, Schah-Anhängern und protestierenden Studenten. Bei Versuchen, die Demonstranten zu zerstreuen, kam es auf einem Hof zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und Studenten, bei denen der Student Benno Ohnesorg von einem Polizeibeamten von hinten erschossen wurde. Polizeisprecher sprachen nach diesem Vorfall von Notwehr. Zwei Tage später gab der beschuldigte Polizist an, es habe sich aus seiner entsicherten Waffe versehentlich ein Schuss gelöst. Er wurde freigesprochen. Der Tod von Ohnesorg war der Impuls für den Beginn der gewalttätigen Auseinandersetzung von Studenten und Staatsgewalt.

Am 2.4.68 setzen vier radikale Anhänger der APO zwei Kaufhäuser in Brand. Dutschke distanziert sich deutlich von terroristischen Anschlägen und sagt in einer Rede: „Anschläge sind Anschläge auf die Vernunft!“. Am 11.4.68 wird Rudi Dutschke von einem aufgehetzten Bild-Zeitungsleser auf dem Kurfürstendamm in West-Berlin niedergeschossen. Der Attentäter ist der neonazistisch beeinflusste Josef Bachmann. Dutschke wird am Heiligabend 1979 an den Spätfolgen der Schussverletzung in Dänemark sterben. Der Tag des Attentats löst den Gipfel des Unmuts und der Gewalt aus. Das Mordattentat auf Dutschke führt zu gewaltsamen Ausschreitungen in 27 deutschen Städten. Als Reaktion auf den Mord führt die APO vom 11.4.-15.4. Protestaktionen durch. Der Protestmarsch gegen den Springerverlag, der für den Tod Dutschkes verantwortlich gemacht wird, fordert zwei Tote. 6000 Studenten versuchten noch am selben Abend das Verlagshaus des Springerverlages zu stürmen und gewaltsam die Auslieferung der Bild Zeitung zu verhindern, was jedoch durch die Polizei vereitelt wurde. Aus Frustration setzen Demonstranten eine Flughafenhalle in Brand. Die 21000 eingesetzten Polizisten verhaften über 1000 Demonstranten, mitunter auch unbeteiligte Hausfrauen und Rentner.

In Washington, New York, Toronto, London, Amsterdam, Brüssel, Paris, Mailand, Tel Aviv, Belgrad, Oslo, Prag und Wien kommt es zu Solidaritätsdemonstrationen vor den deutschen Botschaften und Büros des Springerverlags. In Rom werden Molotow-Cocktails in Porsche- und Mercedes-Vertretungen geschleudert

Von den 827 Beschuldigten wird am 16.4. in München der erste „Osterdemonstrant“ zu 7 Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt. Auf einer Bundestagsondersitzung wird die SDS als verfassungsfeindliche Organisation erklärt.

Am 11.5.68 fand der berühmte Sternmarsch auf Bonn statt. Die Angaben schwanken zwischen 50.000 bis 70.000 Demonstranten, die gegen die Notstandsgesetze der Regierung, aus allen Regionen Deutschlands, auf die Strasse gingen. Alternativveranstaltungen wurden auch in Dortmund abgehalten. An ihnen nahmen Bürger, Studenten aber auch Funktionäre und Mitglieder der IG Metall teil. Der Aufruf der SDS an die Gewerkschaften, den Generalstreik auszurufen, wurde abgelehnt und fand nicht statt. Anlässlich der zweiten Lesung der Notstandsgesetze im Bundestag am 15.5., kommt es in etlichen deutschen Großstädten zu Anti-Notstandsaktionen. 14 Tage lang versuchen 80.000 Demonstranten in über 50 deutschen Städten gegen die Notstandsgesetze erfolglos anzugehen, die letztendlich am 30.5. mit der Zweidrittel-Mehrheit im Bundestag verabschiedet wurden. Mit der Verabschiedung und der Fortführung des Vietnamkrieges war der Zerfall des SDS nicht mehr aufzuhalten. Die Distanzierung der Gewerkschaften von dem SDS förderte diesen Vorgang. Der SDS verlor im weiteren Verlauf zusehends an politischen Einfluss und Rückhalt in der Gesellschaft. Der SDS löste sich am 21.März 1970 selbst auf. Die große Protestbewegung der 68er fand damit ein schnelles Ende. Die Rote Arme Fraktion (RAF), die sich im selbigen Jahr gründete, führte noch bis 1991 Mordanschläge und Entführungen durch. Sie wollte mit der, in den 60er Jahren entstandenen, neuen Form des Terrorismus ihre Forderungen durchsetzen.

Der größte Verdienst der Bewegung von ‘68 ist, auch wenn die eigentlichen Ziele nicht erreicht wurden, die geänderte Gesellschaftsstruktur. Die Menschen in unserer Gesellschaft können seitdem offener sprechen, freier denken und ungezwungener leben als zuvor.

Folgende Erfolge kann man der Bewegung von 1968 verdanken:

•  die Auflockerung der Ehe
•  nicht-eheliche Lebensgemeinschaften,
•  der offene Umgang mit der Sexualität
•  die Idee der Wohngemeinschaft
•  eine freie Kindererziehung
•  selbst organisierte Kulturzentren
•  Hochschulreformen und Anschluss an das Internationale Bildungssystem
•  Frauenbewegungen zur Gleichstellung

 

Personenregister

Conrad Ahlers
- deutscher Journalist und Politiker
- geb. am 8.November 1922 in Hamburg
- gest. am 18.Dezember 1980 in Bonn
- 1962-1966 stellv. Chefredakteur des „Spiegels“ während der „Spiegel-Affäre“

Kurt Georg Kiesinger
- deutscher Politiker(CDU)
- geb. am 6.April 1904 in Ebingen, Würtemberg,
- gest. am 9.März 1988 in Tübingen
- 1966-1969 Bundeskanzler
- 1967-1971 Vorsitzender der CDU

Axel Springer
- Inhaber des Springer-Konzerns
- Antikommunist und Gegner der Studentenbewegung

Rudi Dutschke
- bedeutendster Vertreter der deutschen Studentenbewegung
- geb. am 7.März 1940 in Schönfeld, Brandenburg
- gest. am 24.12.1979 in Arhus, Dänemark
- spielte eine führende Rolle im SDS und APO
- Attentat auf ihn verursachte schwere körperliche Schäden
- 1971 Lehrauftrag in Dänemark

Benno Ohnesorg
- FU-Student,
- bei einer Demonstration in Berlin durch Polizisten von hinten erschossen

Josef Bachmann
- Arbeiter und Kommunistengegner
- verübte Anschlag auf Rudi Dutschke(verletzte ihn schwer)
- wurde dabei durch Polizei schwer verletzt